Mein Outing…

…passierte schleichend und ich habe es selbst kaum bemerkt. Wenn ich nun allerdings zurückdenke muss es wohl stattgefunden haben, was mir ein Anlass ist, die Angelegenheit einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Zunächst: das, was dort oben so „catchy“ als Outing bezeichnet ist, hat nichts mit meiner sexuellen Orientierung zu tun. Ich bin seit nunmehr zwei Jahren fest in den Händen eines Mannes (der, obwohl acht Jahre älter, meist die unvernünftigere Hälfte ist) und wenn es da kein Ereignis von meteoritenhaften Ausmaßen gibt, rechne ich nicht mit einer Veränderung dieses Zustands.

Dennoch ist das Wort „Outing“ durchaus zutreffend, wie ich finde, denn es geht um eine Sache, die mir stets am Herzen lag, für die ich mich jedoch lange schämte und sie nicht auszusprechen wagte. Dem Leser wird es banal erscheinen, doch für mich war es das nicht. Jeder setzt andere Maßstäbe.

„Und was habt ihr gemacht?“
Noch immer höre ich die Stimme von meiner Oma (oder wahlweise von der meiner Freundinnen) und spüre, wie ich rot und verlegen werde, während meine Freundinnen fröhlich antworten: „Wir haben Rollenspiel gespielt.“  (Und nur, falls es da Unklarheiten gibt: wir waren damals circa elf Jahre alt. Die Art des Rollenspiels sollte also nicht zur Debatte stehen.)
Ich selbst sagte dazu nichts. Fragen, die mir direkt zum Thema Rollenspiel im Beisein Unbeteiligter gestellt wurden, beantwortete ich verlegen, ausweichend, unspezifisch. Bloß nichts sagen, was irgendwie als peinlich oder kindisch ausgelegt werden könnte.
Dass ich mich damals schon über mich selbst ärgerte, und mich fragte, warum Kosmin und Matilda so offen darüber sprachen, ich aber selbst meine Zähne nicht auseinander bekam (und das sieht mir wirklich nicht ähnlich), ist Fakt und womöglich nicht einmal verwunderlich.

Ich fand großen Spaß an dieser Art von Zeitvertreib, damals schon. Nachdem unsere Altersgenossen aus „Mutter, Vater, Kind“ und „Räuber und Gendarm“ herausgewachsen waren, hoben wir das Ganze auf eine neue Stufe. Geschichten wie „Harry Potter“ und „Gwydion“ (von Peter Schwindt) wurden von uns adaptiert und (selten qualitativ hochwertig) fortgeführt. Auch mit anderen Freundinnen tat ich Vergleichbares, wenn auch nur in Form von brieflicher Kommunikation. Wirklich offenes Rollenspiel, vergleichbar mit einem LARP, habe ich nur mit oben benannten Freundinnen, ausgelebt. Da die beiden in Bayern wohnten, ich aber in Thüringen lebte, sahen wir uns nur in den gemeinsamen Ferien (und die waren knapp bemessen). Ich freute mich jedes Mal darauf, die beiden zu sehen, nicht zuletzt, weil ich wusste, was wir tun würden. Natürlich hatte und habe ich die beiden auch so, in ihrer ganz eigenen Persönlichkeit, in mein Herz geschlossen. Aber dennoch: hier, mit ihnen, war es mir einmal möglich, frei zuzugeben, welche Freude es mir bereitete, jemand anderes sein zu können.

In der Zeit zwischen den Ferien kommunizierten wir zunächst via Mail, später über Whatsapp und Facebook. Hier entstanden zwei lange und sehr verworrene Geschichten, die nicht logisch, aber für mich trotzdem wunderbar waren. Ich nannte das, was wir da taten, „Geschichtenschreiben“. Damit klang es nach einer respektablen Beschäftigung und weniger nach Nerd. Ich belog mich selbst. Nicht einmal meinem damaligen Freund gegenüber war ich in der Lage, ohne Ausreden oder Umschreibungen zu erklären, was wir da eigentlich taten. Es war wie früher: ich schämte mich.
Schämte mich, für eine Beschäftigung, die mir mein Herz aufgehen ließ und meine eigene Persönlichkeit maßgeblich mitbestimmt hatte.

Nach dem Abi wurde es leichter, jedoch vornehmlich da die Intensität des Spielens abnahm und mein nächster Freund, ob seiner Beteiligung, von meinem Hobby wusste. So lebte ich die nächsten zwei Jahre damit, mein Umfeld selbst hinter diese Beschäftigung kommen zu lassen, mich immer noch etwas zu schämen, wenn man mich darauf ansprach, aber schließlich doch voller Freude davon zu berichten – und das fühlte sich gut an.

Im August ’15 lernte ich dann meine Physiotherapeutin besser kennen und wurde von ihr zu einem Pen & Paper Roleplay namens „Kleine Ängste“ eingeladen. Meine Bedenken, dass ich diese Form von Rollenspiel zwar kennen, aber merkwürdig finden würde, wurden gleichwohl durch meine Neugier und ihr: „Es geht ja nur einen Abend. Wenn es dir nicht gefällt, musst du es ja nicht wiederholen.“ zunichte gemacht. Wieder stellte ich fest, dass mich die Offenheit, mit der sie mir von dem Spiel, ihren diesbezüglichen Hobbies und vergangenen Erlebnissen berichtete, faszinierte, während ich nur ein verhaltenes: „Ich schreibe auch“ herausgebracht hatte.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich nahm die Einladung an und an meiner ersten Pen-and-Paper-Runde teil. Dabei lernte ich gleichwohl den bereits weiter oben erwähnten Mann kennen und wer rechnen kann, wird feststellen, dass diese Kleine Ängste-Runde nun gut zwei Jahre zurückliegt. Zufall? 😉

Was folgte war eine Phase langsam zunehmender Transparenz. Ich fand es leichter, über  die Treffen zu sprechen, zu diskutieren und Außenstehenden zu erklären, was wir da eigentlich machten – ohne es dabei „normalisieren“ oder „kleinmachen“ zu wollen.

Als ich vor wenigen Wochen meinen Eltern von meinen Plänen, an meinem ersten LARP teilzunehmen, berichtete, verspürte ich keinerlei Scham mehr. Der Gedanke, dass ich bald in meinen Kampfstiefeln und mit gruseliger Schminke einen Vampir mimen würde erfüllte mich nicht mehr mit verhaltener Scham, sondern mit Vorfreude. Purer Vorfreude.
Die Frage: „Woher hat das Kind eigentlich eine solche Faszination für dieses Zeug?“ darf dabei gern urteilsfrei von meinen Eltern beantwortet werden, denn es ändert nichts daran, dass ich mich so viel wohler fühle:

Ich bin ein kleiner Nerd und ich bin sehr gerne mal nicht ich selbst. Die Realität wird nicht schlechter durch ein Mehr an Fantasie. Und meine ist eben etwas ausgeprägter.

In diesem Sinne möchte ich mich bei allen (Ex-)Freunden entschuldigen, denen ich damit  Rätsel aufgegeben habe, dass ich kryptische Texte in mein Handy getippt habe, über die ich nicht reden wollte und allen verbohrten Kleingeister, die damals und heute über ein solches Hobby lachen, sagen: sucht euch eine eigene Beschäftigung.

Zuletzt bleibt nur: Ein fettes Danke an Kosmin (oder: Patrick, Altaïr, Rowan, Ron, Jírí, und viele mehr), Matilda (oder: Flo, Connor, Kathlyn (ist das richtig?), Hermine, und viele mehr), Ina (oder Ave / Cyrus), Julian (oder Stannis, Kleinfinger, Pedobart (ich hab den richtigen Namen vergessen) und Hendrik) sowie das Ragnarök-Rudel, dafür, dass ich mit euch dieser Leidenschaft nachgehen, sie ausbauen und schließlich auch dazu stehen kann. 

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Künstler: Kosmin Marcus
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